The Juniper Tree

Im Dorf Schattenmarkt, einem Jahrmarkt, der nur während Meteoritenschauern sichtbar war, lebten zwei Kinder: Marlena, ein Mädchen mit einem Herzen voller Güte, aber mit Stummheit verflucht, und Johannes, ihr neidischer Stiefbruder, ein Junge, der von Gier getrieben wurde. Ihre Geschichte begann in der Nacht, als ihre Stiefmutter Agnes, eine Frau mit einem dunklen Geheimnis und Hunger nach Gold, einen tödlichen Eintopf zubereitete. Der Wacholderbaum im Herzen des Jahrmarktes war Zeuge, seine alten Äste flüsterten von einem Leid, das noch erblühen sollte, und einer Wahrheit, die im Rauch verborgen lag.

Agnes rührte im Topf, dessen Aroma die kleine Hütte erfüllte. „Johannes, probier das! Ist es gut genug für deinen Vater?“ Johannes tauchte eifrig eine Kelle ein und genoss die reichhaltige Brühe. Marlena sah zu, ihr Magen knurrte, doch Angst hielt sie stumm. Agnes höhnte. „Marlena wird nicht essen. Sie verdient solche Köstlichkeiten nicht.“

„Mehr!“, verlangte Johannes und griff nach einer weiteren Schale. Agnes lächelte und wetzte ein großes Metzgermesser. „Geduld, mein Sohn. Das Beste kommt erst noch.“ Plötzlich keuchte Johannes und umklammerte seine Brust. Er brach zu Boden, seine Schale zersplitterte und färbte den schneebedeckten Boden purpurrot.

Agnes schleppte Johannes' Körper hinein. „Nun, Marlena, wir müssen deinem Vater weismachen, dass er nur krank geworden ist.“ Sie zerhackte Johannes in Stücke und kochte sein Fleisch. Marlena sah zu, erstarrt vor Entsetzen. „Bedien deinen Vater“, zischte Agnes und drückte Marlena eine Schüssel in die zitternden Hände. „Oder du wirst das Schicksal deines Bruders teilen.“

Ihr Vater kehrte müde vom Ende des Karnevals zurück. Er aß den Eintopf ohne Argwohn. „Das ist der beste, den du je gemacht hast, Agnes!“, rief er aus. Während er aß, weinte Marlena still, erinnerte sich an den Jungen, der nun den Topf würzte. In dieser Nacht sammelte sie Johannes’ Knochen und wickelte sie in ihr seidenes Tuch.

Unter dem Wacholderbaum vergrub Marlena die Knochen und streute duftende Blüten. Dabei stieg ein Nebel auf, der sich zu einem prächtigen Vogel verdichtete. Er sang ein trauriges Lied, dessen Noten das Gewicht von Johannes' Schicksal trugen. Der Vogel flog dann auf und schwebte über dem Meteoritenschauer.

Der Vogel flog zu einer nahegelegenen Schmiede und landete auf dem Dach. „Was für ein wunderschönes Lied!“, rief der Schmied aus. Der Vogel sang: „Meine Mutter, sie hat mich getötet, mein Vater, er hat mich gegessen.“ Erschrocken holte der Schmied die Kleinigkeiten, eine goldene Kette, einen juwelenbesetzten Ring und ein Paar feine Schuhe.

Der Vogel flog zurück zum Häuschen und ließ die Kette um den Hals ihres Vaters, den Ring an Marlenas Finger und die Schuhe vor Agnes fallen. Dann sang er sein Lied ein letztes Mal. Johannes' Vater mit Gold geschmückt, Johannes' Schwester mit einem Ring, Agnes mit Schuhen. Die Stiefschwester, sie begann zu tanzen.

Sie tanzte schneller und schneller, unfähig aufzuhören, die Schuhe verbrannten ihre Füße. Plötzlich öffnete sich der Boden unter ihr. Agnes schrie, als sie in die feurigen Tiefen stürzte, ihr goldgieriges Herz endlich verzehrt. Wo Agnes einst gestanden hatte, sah Marlena nun einen neuen Wacholderbaum hoch neben dem alten stehen.

Aus dem Wacholderbaum trat Johannes unversehrt hervor und umarmte seinen Vater und seine Schwester. Marlena, nicht länger stumm, sprach endlich, ihre Stimme so klar wie die Glocken des Karnevals. „Die besten und schönsten Dinge auf der Welt können weder gesehen noch berührt werden – sie müssen mit dem Herzen gefühlt werden“, wie Helen Keller sagte. Und so lernten die Kinder, dass selbst in der dunkelsten Nacht Freundlichkeit und Wahrheit ihren Weg finden werden.