The Twelve Brothers — Auf Deutsch lesen
Die Titel der Geschichten stehen noch auf Englisch; der Text jeder Geschichte ist auf Deutsch.

In der Bemalten Wüste, wo die Sande mit jedem Sonnenaufgang ihre Farben wechselten, lebte eine Königin, Isolde, deren Schoß unfruchtbar blieb. Ihre zwölf Söhne, stark und stolz, waren die Juwelen ihres Herzens. Doch ein Schatten zog auf, eine geflüsterte Prophezeiung, die eine grausame Wendung vorhersagte: Sollte Isolde eine Tochter gebären, würden sich ihre Söhne in Raben verwandeln, für immer an den Himmel gebunden. Ein Schicksal, das sie aus Liebe und aus Furcht verzweifelt abwenden wollte.

Jahre vergingen, geprägt von Festen und Jagden, Gebeten und Bitten. Eines Morgens strömte ein anderes Licht durch Isoldes Fenster. Sie wusste, bevor die Hebamme sprach, dass sich ihre Welt verändert hatte. Eine Tochter, Elara, lag in ihren Armen. Isolde weinte, nicht vor Freude, sondern vor der kalten Furcht der erfüllten Prophezeiung.

Ein durchdringender Schrei zerriss die morgendliche Stille. Die Brüder, die sich im Hof versammelten, spürten einen brennenden Schmerz, als Federn aus ihrer Haut sprießen und sich ihre Knochen verformten. Ihre menschlichen Formen lösten sich auf und wurden durch das glatte, schwarze Gefieder von Raben ersetzt. Mit gequälten Schreien erhoben sie sich in die Luft, kreisten einmal um die Burg, bevor sie in der Weite der Painted Desert verschwanden. Nur Elara, unschuldig und ahnungslos, gurgelte leise in den Armen ihrer Mutter.

Jahre spannen sich zu einem Wandteppich aus Leid und Schuld. Elara, inzwischen eine junge Frau, entdeckte einen alten Wandteppich, der zwölf Raben zeigte, die einen Berg aus Obsidian umkreisten. Eine alte Weberin erzählte ihr die Legende. „Sie können in menschliche Gestalt zurückverwandelt werden“, krächzte die Weberin, „aber nur durch ein Herz voller reinster Liebe und eine höchst gefährliche Aufgabe.“

Elara wagte sich in den Wald der Flüsterer, einen Ort, wo Schatten tanzten und Geheimnisse an jedem Blatt hafteten. Ein knorriger Baum, dessen Äste mit goldenen Früchten beladen waren, bot ihr Trost. Eine Stimme, wie raschelnde Blätter, verführte sie. „Ruhe, Kind. Iss von meinen Früchten. Vergiss die Raben, vergiss den Kummer.“ Elara erinnerte sich an die Gesichter ihrer Brüder, an die Last der Trauer ihrer Mutter. „Niemals!“, rief sie und drängte sich an dem verlockenden Baum vorbei.

Tiefer im Wald stieß sie auf einen schimmernden Teich, dessen Oberfläche wie ein Spiegel ihre tiefsten Wünsche reflektierte. Sie sah sich selbst, eine Königin, geschmückt mit Juwelen, umgeben von anbetenden Untertanen, ihre Brüder vergessen. Doch dann dachte sie an Elara und erinnerte sich an etwas, das Oscar Wilde einmal über Versuchung gesagt hatte: „Ich kann allem widerstehen, außer der Versuchung.“ Sie wusste, dass diese Vision eine Lüge war, ein vergoldeter Käfig, gewebt aus egoistischen Träumen. Sie zerschlug das Spiegelbild mit einem Stein und zerstörte die Illusion.

Der Pfad führte Elara zum Obsidian Peak, einem Berg aus schwarzem Glas, der den Himmel durchstieß. Raben kreisten um seinen Gipfel, ihre Schreie hallten wie klagende Glocken wider. Eine verwitterte alte Frau stand am Fuße, ihre Augen wie Eissplitter. „Nur ein Hemd, gewebt aus Distelflaum, kann den Fluch brechen“, krächzte sie. „Aber jedes Hemd wird dich deine Stimme, dein Augenlicht, deine Erinnerungen kosten.“

Elara begann zu weben, ihre Finger bluteten, ihre Stimme verblasste mit jedem fertiggestellten Hemd. Das sechste Hemd kostete sie ihr Augenlicht; sie webte weiter, geleitet von Erinnerung und Berührung. Das elfte stahl ihr die Erinnerungen; sie webte weiter, angetrieben von einer unerschütterlichen Liebe. Mit dem zwölften fertiggestellten Hemd war Elara leer, eine hohle Hülle, doch ihr Herz floss über vor einer Liebe, die das Opfer überstieg.

Elara warf die Hemden in die Luft. Sie schwebten wie weiße Vögel und hüllten die Raben ein. Einer nach dem anderen verwandelten sich die Raben, ihr schwarzes Gefieder wurde durch menschliches Fleisch ersetzt, ihre gequälten Schreie durch erstauntes Keuchen. Zwölf Brüder, müde, aber unversehrt, knieten vor ihrer Schwester, ihre Augen gefüllt mit unsäglicher Dankbarkeit. Ihre Opfer waren vollbracht.

Isolde kam an, angezogen von einem Lied, das nur ein Mutterherz hören konnte. Sie umarmte ihre Söhne, dann ihre Tochter, deren Schweigen Bände sprach. Elara hatte alles gegeben, um ihre Brüder zurückzugewinnen, und bewiesen, dass wahre Liebe keine Grenzen kennt. Die Wüste war durch ihr Opfer für immer verändert, wo der Sand golden schimmerte mit Disteln in ewiger Blüte, ein Lied der Hingabe, das vom Wind geflüstert wurde.