The Twelve Dancing Princesses — Auf Deutsch lesen
Die Titel der Geschichten stehen noch auf Englisch; der Text jeder Geschichte ist auf Deutsch.

Auf einer vulkanischen Insel, wo Gärten mit Feuerblumen blühten, lebten König Oberon und seine zwölf Töchter. Jede Prinzessin war bekannt für ihre Schönheit, doch niemand kannte ihr Geheimnis. Jede Nacht schlossen sie sich ein, nur um im Morgengrauen mit abgetragenen Schuhen wieder aufzutauchen. Ein dunkles Geheimnis umhüllte das Schloss, ein Fluch, der am Hofe geflüstert wurde: Wo tanzten die Prinzessinnen?

Sir Eamon, ein von vielen Schlachten gezeichneter Soldat, traf ein, um sein Glück zu suchen. „Ich höre, der König verspricht sein Königreich dem Mann, der das Geheimnis seiner Töchter lüftet“, erklärte er in der Taverne, seine Stimme rau. Eine runzlige alte Frau, die ihren Tee umrührte, kicherte. „Gold ist eine verlockende Sache, nicht wahr?“, krächzte sie. „Aber hüte dich, denn manche Geheimnisse lässt man besser begraben.“

„Ich nehme die Herausforderung an“, verkündete Eamon König Oberon. „Aber ich brauche mehr als nur ein Zimmer, Eure Majestät. Ich brauche Einsicht.“ Der König, dessen Gesicht von Sorge gezeichnet war, nickte. „Nimm diesen Umhang“, sagte er und reichte Eamon ein schweres Wollkleidungsstück. „Er wird dich unsichtbar machen. Aber denk daran, Sir Eamon: ‚Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt‘, wie Lao Tzu sagte. Nutze ihn weise und beobachte.“

In dieser Nacht folgte Eamon, in Unsichtbarkeit gehüllt, den Prinzessinnen. Er beobachtete, wie sie einen Geheimgang hinter einem Wandteppich aufschlossen, der mit Bildern von Feuerblumen gewebt war. „Das ist eigenartig“, flüsterte Eamon zu sich selbst und rückte den Umhang zurecht. Er roch Schwefel in der Luft, und eine unnatürliche Wärme strömte aus dem Gang.

Die Passage öffnete sich zu einem schimmernden Portal. Zögern huschte über das Gesicht der ältesten Prinzessin, doch sie trat dennoch hindurch, gefolgt von ihren Schwestern. Eamon bedachte die Konsequenzen. „Die Stärksten unter uns bringen Opfer für alle“, dachte er sich und wiederholte die Worte von Booker T. Washington. Er wusste, er musste folgen, egal welche Gefahr drohte.

Das Portal führte in eine vulkanische Höhle, die von Lavaströmen erleuchtet wurde. Zwölf Boote warteten, jedes gesteuert von einer stillen, maskierten Gestalt. Die Prinzessinnen gingen lachend an Bord, als die Boote in Tunnel fuhren, die in das Herz des Vulkans gehauen waren. Eamon bemerkte, dass die maskierten Gestalten Ringe aus reinem Gold trugen.

Die Tunnel öffneten sich zu einem unterirdischen Ballsaal, erfüllt von Musik und maskierten Tänzern. Die Prinzessinnen wirbelten und schwankten, ihr Lachen hallte durch die Höhle. Einer der maskierten Tänzer näherte sich der jüngsten Prinzessin und bot ihr einen goldenen Kelch an. „Trink das nicht“, flüsterte Eamon und vergaß dabei seine Unsichtbarkeit. Der Tänzer erstarrte, und die Musik verstummte.

„Wer hat das gesagt?“, brüllte eine der maskierten Gestalten, deren Stimme verzerrt war. Chaos brach aus, als die Tänzer sich als knorrige Feuergeistwesen entpuppten. Die Prinzessinnen schrien und umklammerten ihre Brüste. Eamon kannte die Wahrheit: Das Gold war ein bindender Fluch, der ihnen langsam die Lebenskraft entzog. Er sprang vorwärts und schlug den Kelch aus der Hand der Prinzessin.

Eamon schnappte sich eine Feuerblume aus einer nahegelegenen Vase und schleuderte sie auf die goldenen Ringe, die die Kreaturen trugen. Die Ringe zischten und zerfielen zu Asche. Die Prinzessinnen keuchten und spürten, wie der Fluch sich hob. Ihre abgetragenen Schuhe wurden wieder neu. Eamon erkannte, dass Gier der Schlüssel zu all dem war. Angst hatte ihnen die Schuhe überhaupt erst gegeben, Gier ließ sie immer wieder zurückkehren.

Die Feuergeister verschwanden. Das Portal pulsierte noch einmal und brachte sie zum Wandteppich zurück. Sie kehrten in ihre Gemächer zurück. König Oberon blickte seine Töchter erleichtert an. Sie waren verändert. Eamon verließ die Insel. Er suchte kein Königreich. Die Versuchung war vorüber. Denn die Feuerblumen blühen nur dort, wo die Gier stirbt.