The Well of the World's End — Auf Deutsch lesen
Die Titel der Geschichten stehen noch auf Englisch; der Text jeder Geschichte ist auf Deutsch.

In der Hafenstadt Maris, wo Schiffe auf Flüssen aus Sternenlicht segelten und das Meer der Küste Geheimnisse zuflüsterte, lebten Elara, eine junge Träumerin, und der alte Silas, der Dorfälteste. Maris war bekannt für seinen Brunnen vom Ende der Welt, der angeblich den tiefsten Wunsch dessen erfüllte, der es wagte, ihn zu finden, doch ein schleichender Schatten bedrohte das Licht der Stadt. Nur die Reinen Herzens könnten den Brunnen finden, sagten sie, obwohl viele es versucht hatten und scheiterten. Elara sehnte sich danach, Maris' verblassendes Sternenlicht wiederherzustellen, wenn sie nur den Weg wüsste.

„Die alten Karten sprechen von Prüfungen, Elara“, sagte Silas, seine Stimme rau wie das Abklingen der Brandung. „Aber der Pfad verschiebt sich mit dem Herzen. Der Wald ist der Ort, wo das wahre Selbst immer gezeigt wird.“ Elara umklammerte die abgenutzte Karte, die Silas ihr anvertraut hatte, ihr Pergament roch nach Salz und alter Tinte. Sie bemerkte eine verblasste Inschrift am Waldrand: „Je tiefer der Schatten, desto wahrer das Licht.“

Der Eingang des Waldes war in Nebel gehüllt. „Der Wald ist nicht nur Bäume, Elara. Er ist ein Spiegel deiner eigenen Seele“, hatte Silas gewarnt. Als Elara den Wald betrat, bemerkte sie eine einzelne, silberne Feder, die auf dem Pfad lag. Sie hob sie auf und steckte sie in ihren Gürtel. Die Luft wurde kalt, und die Bäume ragten höher auf, ihre Äste verdreht wie knorrige Finger.

Tiefer im Inneren fand sie einen goldenen Käfig, der an einem Ast hing, ein Singvogel darin gefangen. „Hilf mir, Reisende, und ich werde dich führen“, zwitscherte der Vogel, seine Stimme wie flüssiges Gold. Doch die Käfigtür war verschlossen, und der Schlüssel schimmerte gerade außer Reichweite. Sie blickte auf den Weg vor sich; die Sternenlichtflüsse schienen hinter ihr zu verblassen.

Sie widerstand dem goldenen Reiz und drang weiter vor, bald fand sie einen Teich, still wie Glas, der den Wald darüber spiegelte. Eine Stimme hallte wider: „Nur wer sich selbst kennt, kann den Weg sehen.“ In der Spiegelung des Teiches sah Elara nicht ihr Gesicht, sondern einen wirbelnden Strudel aus Schatten. Sollte sie sich ihren tiefsten Ängsten stellen oder umkehren und das Vertraute annehmen?

Eine Gestalt tauchte aus den Schatten auf, verhüllt und maskiert. „Gib mir die Feder, Kind, und ich zeige dir den Brunnen“, zischte die Gestalt und streckte eine knochige Hand aus. „Wie Nietzsche sagte: ‚Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei selbst zum Ungeheuer wird.‘ Was wird es dich kosten, die zu werden, die du bist, Elara?“ Elara zögerte und erinnerte sich an Silas’ Warnung, Fremden nicht zu trauen. Die Feder, ein Symbol der Hoffnung, fühlte sich warm in ihrer Hand an.

Elara erinnerte sich an die Inschrift: „Je tiefer der Schatten, desto wahrer das Licht.“ „Ich werde die Hoffnung nicht gegen falsche Versprechungen eintauschen“, erklärte sie und umklammerte die Feder. Die Gestalt stürmte vor, doch Elara wich zur Seite aus und nutzte die verworrenen Wurzeln des Waldes zu ihrem Vorteil. Als die Gestalt stolperte, fiel ihre Maske herunter und enthüllte ein Spiegelbild von Elaras eigenem Gesicht, verzerrt von Angst und Zweifel.

Als Elara ihre eigene Angst sah, die sie anstarrte, verstand sie. Der Weg führte nicht nach außen, sondern nach innen. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf Maris' verblassendes Sternenlicht und ihre eigene unerschütterliche Hoffnung. Als sie sie öffnete, war der Wald verschwunden, ersetzt durch eine Lichtung, in deren Mitte ein Brunnen aus reinem, schimmerndem Licht sprudelte.

Elara kniete nieder und schöpfte mit den Händen, trinkend aus dem Brunnen des Weltendes. Als das Licht sie erfüllte, spürte sie einen Energieschub, der durch ihre Adern floss. Zurück in Maris brach das verblassende Sternenlicht in einem blendenden Blitz aus und vertrieb die Schatten, die die Stadt geplagt hatten. Die Flüsse des Sternenlichts flossen heller als je zuvor.

Maris wurde in ein neues Morgenlicht getaucht, und Elara kehrte zurück, nicht als Träumerin, sondern als Leuchtfeuer. Silas begrüßte sie mit Tränen in den Augen. Die Reise hatte sie verändert. Und so lernte sie, dass der wahrste Brunnen nicht am Ende der Welt liegt, sondern im eigenen Herzen, darauf wartend, entdeckt zu werden.