The White Dove — Auf Deutsch lesen
Die Titel der Geschichten stehen noch auf Englisch; der Text jeder Geschichte ist auf Deutsch.

In der uralten Bibliothek der Verlorenen Märchen, wo Geschichten lebten und atmeten, wohnte die sanfte Ella, eine Buchbinderin mit einem Herzen voller Träume, und die gerissene Zauberin Morwen, Hüterin verbotenen Wissens. Ein Fluch band Ella jeden Morgen an die Gestalt einer weißen Taube, und nur ein Akt selbstloser Tapferkeit konnte den Zauber brechen, eine Suche, die die Seele auf die Probe stellte.

Ella fuhr mit den Fingern über den abgenutzten Einband einer alten Geschichte. Jeden Morgen, wenn die Bibliotheksglocken läuteten, verspürte sie einen stechenden Schmerz und blickte dann in den Spiegel, um sich verwandelt zu sehen. „Warum ich?“, flüsterte sie und blickte auf ihr Spiegelbild, das nun eine schneeweiße Taube war.

Morwen glittschte in den Raum, ihre Augen wie Eisstücke. „Ich kenne dein Geheimnis, Ella“, zischte sie, ihre Stimme wie raschelndes Pergament. „Ich kann den Fluch aufheben, aber zu einem Preis. Bring mir den Sonnenstein aus den Flüsternden Höhlen, und du sollst wieder menschlich sein.“

Ella, nun in ihrer menschlichen Gestalt, stand am Eingang der Flüstern-Höhlen. „Der Pfad wird dich prüfen“, hallte eine Stimme aus dem Inneren wider. „Was du am meisten schätzt, wird deine größte Schwäche sein.“ Ella nahm all ihren Mut zusammen und betrat die dunkle, hallende Höhle.

Tiefer in den Höhlen stolperte Ella in eine Kammer voller glitzerndem Gold. Eine Stimme hallte wider: „Nimm, was du begehrst! Reichtümer ohne Ende!“ Ella hielt inne, ihre Finger zuckten. „Wie Seneca sagte: ‚Jeder neue Anfang kommt vom Ende eines anderen Anfangs.‘ Diese Versuchung ist nur eine Ablenkung!“, rief sie aus und drängte sich an dem Hort vorbei.

Der Pfad führte zu einer Kammer mit einem einzigen, reich verzierten Spiegel. Als Ella sich näherte, sah sie nicht ihr eigenes Spiegelbild, sondern eine Vision ihrer tiefsten Angst: die Bibliothek, von Flammen verzehrt. Eine Stimme höhnte: „Rette die Bibliothek oder rette dich selbst? Wähle!“

Ella ignorierte die Vision und drang tiefer in die Höhlen vor. Schließlich erreichte sie eine versteckte Grotte, in der der Sonnenstein warmes Licht pulsierte. Als sie danach griff, stürzte eine schattenhafte Gestalt aus der Dunkelheit hervor, Morwens Gesicht vor Wut verzerrt. „Du hast die Bibliothek der Macht vorgezogen! Narr!“

Morwen hob ihren Stab, bereit zum Schlag. Geistesgegenwärtig warf sich Ella vor den Sonnenstein und schützte ihn vor Morwens Angriff. Der Stab traf Ella, doch der Sonnenstein flammte auf und umhüllte beide mit Licht. „Du kannst reine Selbstlosigkeit nicht besiegen!“, rief Ella und sank auf die Knie.

Die Bibliotheksglocken läuteten, und das Licht erlosch. Morwen verschwand mit einem Schrei, und Ella stand wieder da, ganz und menschlich. Der Fluch war gebrochen. Die Bibliothek war sicher.

Ella lächelte, ihr Herz leichter als je zuvor. Sie hatte ihr Zuhause gerettet, nicht mit Macht oder Reichtum, sondern mit Mut und Selbstlosigkeit. Von da an kümmerte sich Ella mit einer Stärke um die Bibliothek, die nur wahre Liebe inspirieren konnte, denn was man beschützt, wird ein Teil von einem selbst.