The Witch Baba Yaga — Auf Deutsch lesen
Die Titel der Geschichten stehen noch auf Englisch; der Text jeder Geschichte ist auf Deutsch.

In einer bemalten Wüste, wo Farben sich mit den Launen des Windes verschoben, lebte eine junge Frau namens Anya, belastet von einer Aufgabe, die sie nicht ablehnen konnte. Der alte Gregor, der Dorfälteste, flüsterte von Baba Yaga, einer Hexe, die im tiefsten Teil der sich verschiebenden Länder wohnte, einer Frau mit verdrehter Magie und dunkleren Geheimnissen. Anyas Bruder, Dmitri, war von Versprechungen von Gold in den Wald gelockt worden, und nur Baba Yaga konnte ihn von welchem Zauber auch immer befreien, der ihn gefangen hielt. Der Wald selbst flüsterte Warnungen, die Bäume knorrig wie greifende Klauen, aber Anya wusste, dass sie sich ins Unbekannte wagen musste.

„Nimm das“, krächzte der alte Mann Gregor und drückte Anya einen angelaufenen Silberspiegel in die Hand. „Er gehörte deiner Großmutter. Sie warnte mich: ‚Ein Spiegel zeigt mehr als ein Spiegelbild; er zeigt das Herz.‘ Erinnere dich an ihre Worte, Kind. Er mag dich beschützen oder leiten, aber nur, wenn du ehrlich zu dir selbst bist.“ Anya umklammerte den Spiegel, dessen kühle Oberfläche ein seltsamer Trost war. Sie trat in den Wald, die bemalte Wüste schrumpfte hinter ihr.

„Ich habe gehört, der Wald prüft dich mit Illusionen“, zischte eine raue Stimme aus den Ästen über ihr. Ein Rabe, dessen Federn so schwarz wie die Nacht waren, hockte über ihr. „Wenn du der Versuchung nachgibst, behält dich der Wald.“ Anya schauderte und erinnerte sich an eine Geschichte, die ihre Großmutter immer erzählte. „‘Erkenne dich selbst‘, wie Sokrates sagte“, murmelte sie und umklammerte den Spiegel. „Denn nur dann kannst du die Welt um dich herum wirklich verstehen.“

Anya drang weiter vor und entdeckte bald einen Pfad, der mit schimmernden Goldmünzen gepflastert war. „Dmitri hätte das geliebt“, dachte sie und erinnerte sich an den unstillbaren Wunsch ihres Bruders nach Reichtum. Die Münzen schienen ein Sirenenlied zu singen, das Reichtümer jenseits aller Vorstellungskraft versprach. Könnte sie nicht einfach ein paar nehmen, um ihrer Familie zu helfen, nachdem sie Dmitri gerettet hatte? „Nein!“, rief sie und überraschte sich selbst. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Großmutter: Der Glanz blendet, aber wahrer Wert strahlt von innen.

Als Anya dem goldenen Pfad widerstand, verschwanden die Münzen und wurden durch ein weites, stilles Wasserbecken ersetzt. Ihr Spiegelbild schimmerte ihr entgegen, nicht wie sie war, sondern geschmückt mit feiner Seide und Juwelen, eine Königin, die ein riesiges Königreich regierte. „Solche Macht könnte dir gehören, Anya“, flüsterte das Spiegelbild, ihre Stimme wie Honigwein. „Vergiss deinen Bruder, umarme dein Schicksal!“ Anya hielt den Spiegel hoch. „Mein Schicksal ist es, die zu beschützen, die ich liebe“, sagte sie, ihre Stimme zitternd, aber fest.

Die Spiegelung knurrte und der Pool löste sich auf, Anya stand vor einem riesigen Tor aus Knochen. Eine verdorrte Hand griff hindurch und hielt eine Handvoll Goldstaub. „Nur ein kleiner Vorgeschmack“, krächzte eine Stimme. „Für einen Blick auf deinen Bruder... um zu wissen, dass er noch lebt...“ Anya zögerte. Sie erinnerte sich an Dmitris Schwäche für Gold. „Die Liebe zum Geld“, wie der Apostel Paulus schrieb, „ist die Wurzel allen Übels.“

Anya schloss die Augen und hielt den silbernen Spiegel hoch. Das ist keine Falle, es ist eine Tugendprüfung, um zu zeigen, dass ich würdig bin. Sie starrte in seine Tiefen, nicht auf ihr eigenes Gesicht, sondern auf die wirbelnden Farben darin. Eine Vision von Dmitri, in einer dunklen Hütte angekettet, zuckte vor ihren Augen auf. Er lebte, aber sein Geist schwand. Es war Zeit. „Ich weigere mich!“, rief sie, ihre Stimme hallte durch den stillen Wald.

Das Knochentor zersplitterte und enthüllte einen Pfad, der zu einer kleinen Hütte führte, die prekär auf riesigen Hühnerbeinen thronte. Die Hütte drehte sich wild, ihre Fenster glichen bösartigen Augen. Baba Yaga selbst trat hervor, eine Gestalt von grotesker Schönheit, ihr langes, verfilztes Haar mit Knochen und Federn durchwoben. „So, das kleine Vögelchen kommt in den Käfig“, kicherte sie. „Was bietest du für die Freilassung deines Bruders?“

„Ich biete nichts als mich selbst“, erklärte Anya und trat vor. „Lasst meinen Bruder frei, und ich werde euch sieben Jahre lang dienen.“ Baba Yagas Augen verengten sich. „Mir dienen? Welch Naivität. Sehr wohl.“ Sie schnippte mit den Fingern, und Dmitri erschien, mager und blass, aber frei. Anya eilte zu ihm und umarmte ihn fest. In diesem Moment wusste sie, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte, koste es, was es wolle.

Anya diente Baba Yaga mit unerschütterlicher Ehrlichkeit. Sie lernte viel über Magie und die verborgenen Wahrheiten der bemalten Wüste. Als ihre sieben Jahre vorüber waren, entließ Baba Yaga sie und Dmitri, reicher nicht an Gold, sondern an Weisheit. Als sie zurück in Richtung ihres Dorfes gingen, sah Anya ihren Bruder an. Das Gold, dem er nachjagte, war genau das, was ihn beinahe mit nichts zurückgelassen hätte.